Aktuelles


Liebe Schwestern und Brüder,

 

mit dem Fest der Taufe des Herrn endet der weihnachtliche Festkreis. Es beginnt die Zeit des öffentlichen Wirkens Jesu. Er wandert durch Galiläa, verkündet das Evangelium, beruft seine Jünger und ernennt die Apostel. Wir begleiten Ihn auf diesem Weg. In der Liturgie wird das zum Ausdruck gebracht, indem das festliche Weiß als liturgische Farbe durch das Grün des Jahreskreises ersetzt wird.

 

Seit dem 1. Advent haben wir das Lesejahr C, eines von drei Lesejahren, das die Liturgie kennt. Lesejahr bedeutet, dass uns in den Texten des Sonntagsevangeliums in der Regel ein bestimmter Evangelist begegnet: Im Lesejahr A der Evangelist Matthäus, im Lesejahr B der Evangelist Markus und im Lesejahr C, also in diesem Jahr der Evangelist Lukas.

 

Diese drei Evangelisten verbindet eine starke Abhängigkeit miteinander. Die Exegese sagt, dass Matthäus und Lukas das Markusevangelium kannten, als sie ihr Evangelium aufgeschrieben haben. Daneben kannten sie auch eine uns heute nicht mehr verfügbare Quelle von aufgeschriebenen Worten Jesu, die die Exegese als „Logienquelle q“ bezeichnet. Wenn man die Evangelien nebeneinander legt, kann man die Abhängigkeit der drei Evangelisten voneinander gut erkennen. Teilweise sind die Texte sogar bis in die Formulierung und Wortwahl völlig gleich. Sie werden deshalb auch „Synoptiker“ genannt. „Synopsis“ heißt auf deutsch „Zusammenschau“. Neben den Abschnitten, die diese Evangelisten gemeinsam haben, gibt es bei jedem auch sogenanntes „Sondergut“, also Abschnitte, die nur bei einem Evangelisten zu finden sind. Das sind bei Lukas zum Beispiel die Kindheitserzählungen Jesu, bei Matthäus der Bericht über die Verkündigung des Engels an Josef.

 

Neben den drei „Synoptikern“ haben wir noch das Evangelium nach Johannes. Dieses Evangelium wird besonders in den „geprägten Zeiten“ gelesen, also in der Advents- und Weihnachtszeit, in der Fasten- und Osterzeit. Und da das Markusevangelium das kürzeste der vier Evangelien ist, lesen wir einen wichtigen Abschnitt des Johannesevangeliums im Sommer des Lesejahres B.

 

Das Lesejahr C, in dem wir uns jetzt befinden, ist also das Lesejahr des Evangelisten Lukas. Wir können davon ausgehen, dass Lukas Jesus nicht selbst gekannt hat. Er ist also kein Augenzeuge, sondern beruft sich auf das, was Andere ihm über Jesus erzählt haben. Er ist ein gebildeter Heidenchrist, der in der griechischen Literatur zuhause ist. Nach Paulus, den Lukas auf seinen Reisen begleitet hatte, ist er Arzt. Sein Schreibstil macht das Evangelium zur Literatur. Schon in den ersten Sätzen seiner zwei Bücher – die Apostelgeschichte ist ebenfalls von Lukas verfaßt und gewissermaßen die Fortsetzung des Evangeliums nach der Himmelfahrt Jesu – zeigt Lukas, dass er die Umgangsformen im Schriftverkehr beherrscht. Seine beiden Berichte sind an einen uns unbekannten, wohl vermögenden Griechen Namens Theophilos gerichtet. Der Name dieses Griechen – auf deutsch übersetzt „Gottesfreund“ – hat Anlaß gegeben zu der Vermutung, es handele sich um eine fiktive Person, gemeint sei also gewissermaßen jeder, der durch die Annahme der Verkündigung zu einem „Freund Gottes“ geworden sei. Heute gehen wir davon aus, dass Lukas tatsächlich einen konkreten Adressaten hatte, dem er seine Berichte zuleiten wollte. Das heißt dann aber nicht, dass wir uns nicht direkt angesprochen fühlen sollen, besonders mit den Worten aus der Einleitung: „So kannst du dich von der Zuverlässigkeit der Lehre überzeugen, in der du unterwiesen wurdest.“ (Lk 1,4)

 

 

Jahr der Barmherzigkeit

 

 

 

Am 8. Dezember hat Papst Franziskus das außerordentliche Heilige Jahr offiziell eröffnet und die Heilige Pforte am Petersdom in Rom geöffnet. Schon eine Woche vorher hat er im Rahmen seines Besuchs in Bangui/Zentralafrikanische Republik die Heilige Pforte der dortigen Kathedrale geöffnet. Und in den darauf folgenden Wochen wurden in den Diözesen auf der ganzen Welt Heilige Pforten geöffnet, die von der Barmherzigkeit des Vaters Kunde geben sollen, der uns in Seinem Sohn Sein barmherziges Antlitz geoffenbart hat.

 

Am 13. Dezember hat Patriarch Manuel in Lissabon die Heilige Pforte der Kathedrale geöffnet. Auch die Kapelle unter der Cristo-Rei-Statue hat eine Heilige Pforte. Mit der Bitte an die Diözesanbischöfe, auch in ihren Diözesen Heilige Pforten zu öffnen, hat Papst Franziskus deutlich gemacht, wie wichtig ihm die Verkündigung der Göttlichen Barmherzigkeit ist. In der Ankündigung des außerordentlichen Heiligen Jahres hatte Papst Franziskus an den Heiligen Johannes XXIII erinnert, der zu Beginn des II. Vatikanischen Konzils gesagt hatte: „Heute dagegen möchte die Braut Christi lieber das Heilmittel der Barmherzigkeit anwenden als die Waffen der Strenge.“

 

Der Glaube soll Bedeutung in den Häusern und in den Herzen der Menschen haben. Dazu müssen wir uns stets daran erinnern, dass der Glaube die persönlich Beziehung zwischen Mensch und Gott ist. Eine ethymologische Herleitung des deutschen Wortes „Sünde“ geht auf das altnordische Verb sundr zurück, was trennen oder aufteilen bedeutet. Ein Sund ist demnach eine Landtrennung. Das Wesen der Sünde besteht in der Beschädigung und Zerstörung von Beziehungen: Personen werden durch die Sünde getrennt. So ist der Mensch in Folge der Sünde von Gott getrennt. Aber das Christentum ist kein Moralismus, sondern der Glaube an einen Gott, der es mit dieser Trennung nicht bewenden lässt. Von Anfang an ergreift Gott die Initiative, um die Trennung zu überwinden. Es ist Gottes Sehnsucht nach dem Menschen, die sich in seiner Barmherzigkeit äußert. Aufgabe der Kirche ist es, den Menschen diese Barmherzigkeit Gottes zu verkünden. Papst Franziskus wird nicht müde, von ihr zu künden. Damit steht er in einer guten Tradition mit seinen Vorgängern.

 

Der Heilige Papst Johannes Paul II. hat schon 1980 der göttlichen Barmherzigkeit eine Enzyklika gewidmet: Dives in misericordia, (… der voll Erbarmen ist) Die Einführung des liturgischen Festes des Barmherzigkeitssonntages am Sonntag nach Ostern bekräftigt diese Lehre. Und gleichsam wie das Siegel Gottes unter seiner Verkündigung können wir das Datum des Todes von Johannes Paul II. verstehen, den Vorabend des Barmherzigkeitssonntages am 2. April 2005. Indem die Göttliche Barmherzigkeit am Oktavtag von Ostern gefeiert wird, soll der Zusammenhang zwischen Tod und Auferstehung Jesu Christi und der sehnsuchtsvollen Liebe Gottes zu den Menschen offenbar werden.

 

Dieser Liebe Gottes zu den Menschen widmete Papst Benedikt XVI. seine erste Enzyklika: Deus Caritas est, (Gott ist die Liebe). Dabei gibt es keine größere Sehnsucht des Menschen als die Sehnsucht danach, dass eine andere Person da sein möge, die wir lieben und die uns liebt. Das bedeutet, dass das Geschenk Gottes an uns Menschen zutiefst der Sehnsucht des Menschen entspricht, nämlich die Person Jesus Christus, die uns bis in den Tod liebt.

 

Was bleibt, ist die Erfahrung der Sünde, die auch nach 2000 Jahren Christentum nicht aus der Welt genommen ist. Wir erfahren die Folge der Sünde, die Trennung zwischen Gott und Mensch, auch in unserem Leben immer wieder aufs Neue. Wenn wir aber das Wesen der Göttlichen Barmherzigkeit erkennen können, dann erfahren wir auch, dass uns stets aufs Neue die Möglichkeit zur Umkehr gegeben wird. Denn Göttliche Barmherzigkeit besteht nicht darin, die Sünde nicht mehr Sünde zu nennen oder umzudefinieren, sondern in der Vergebung den Menschen, der zur Umkehr bereit ist, immer wieder anzunehmen. Barmherzigkeit Gottes heißt daher, dass dieser Gott, der den Menschen bis in den Tod hinein und durch den Tod hindurch liebt, diesem Menschen immer wieder Vergebung und Neuanfang zusagen will.

 

Das außerordentliche Heilige Jahr der Barmherzigkeit will unseren Blick auf dieses Anliegen Gottes richten und uns einladen, die göttliche Barmherzigkeit an uns wirken zu lassen. Das Durchschreiten der Heiligen Pforte wird damit zu einem sichtbaren Zeichen, dass wir den alten Menschen hinter uns zurücklassen wollen und als neue Menschen in der Gegenwart Gottes leben wollen.